DEUTSCH ALS ANGESTAMMTE MINDERHEITENSPRACHE IN DER SCHWEIZ
Freiburg - Reichengasse
Bern - Altstadt mit Münster von der Schwelle aus
Biel - Brunngasse
Kanton Freiburg

FÖRDERUNG DER ZWEISPRACHIGKEIT
IN DEN ÄMTERN UND SCHULEN DES KANTONS FREIBURG

Vortrag von CLAUDINE BROHY 
gehalten in Lyss am 9. Februar 2019

Zur Referentin 

Niemand in der Schweiz kennt sich in Praxis und Forschung der Mehrsprachigkeit besser aus als Frau Brohy, Dr. phil. Sie wuchs in Freiburg zweisprachig auf und befasst sich seit Jahrzehnten mit der Mehrsprachigkeit in ihren verschiedenen Formen. Sie studierte Soziolinguistik in Freiburg und in Kanada, arbeitete dann als Sprachlehrerin, Übersetzerin, mit Lehraufträgen an den Universitäten Bern und Genf. Sie wirkt an der Universität Freiburg/Fribourg im Departement für Mehrsprachigkeitsforschung und Fremdsprachendidaktik sowie im Sprachenzentrum. Sie war auch Mitglied des freiburgischen Verfassungsrates von 2000-2004 und präsidierte die Gruppe "Sprachen und Kultur". Sie hat beim Forum Biel/Bienne mitgemacht und ist im Vorstand des Vereins Kultur und Natur Deutschfreiburg, dem Nachfolgeverein der Deutschfreiburgischen Arbeitsgemeinschaft. Sie war auch in der Weiterbildung für Lehrpersonen tätig und war Mitglied für die Schweiz im Expertenausschuss der Europäischen Sprachencharta. Frau Brohy hat viele Bücher und Aufsätze zu den Themen Mehrsprachigkeit und Immersionsunterricht veröffentlicht. Vom französischen Bildungsministerium wurde sie 2011 in Anerkennung ihres Einsatzes für die französische Kultur zum Chevalier de l'Ordre des Palmes académiques ernannt, und 2016 wurde ihr für ihr Wirken von der Oertli-Stiftung der Oertli-Preis verliehen. 

Was heißt Zwei- und Mehrsprachigkeit 

Mehrsprachigkeit ist ein mehrdeutiger Begriff. Zunächst und zuerst denken wir an zwei- und mehrsprachige Leute. Aber es geht auch um die Gesellschaft und die öffentlichen und privaten Institutionen.
Als Schweizer denken wir an die großen Nationalstaaten Europas, wo sprachliche Minderheiten klein und relativ unbedeutend sind. Zwei- und Mehrsprachigkeit ist aber in der Welt der Normalfall und nicht die Ausnahme.
Es ist nicht so leicht zu definieren, wer zweisprachig ist. In der Schweiz neigen wir dazu, als bilingue nur zu bezeichnen, wer von klein auf zwei Sprachen gesprochen hat und beide gleich gut und auf hohem Niveau beherrscht. Wenn wir diese Definition anwenden, finden wir auch in der Schweiz nur wenige zweisprachige Personen. Die entgegengesetzte Auffassung legt Prof. Grosjean in seinem Klassiker Life with two Languages von 1984 seinen Untersuchungen zugrunde: Zweisprachig ist, wer zwei Sprachen verwendet. Es wird auch darüber nachgedacht und gestritten, wie wichtig der Unterschied zwischen Muttersprachlern und späten Zweisprachlern ist, wie es mit der gefühlten Identität und dem Zugehörigkeitsgefühl von Zweisprachlern aussieht usf.
Wenn von Zwei- und Mehrsprachigkeit die Rede ist, ist es wie mit der Schule: Viele Gefühle, Vorstellungen und Ideologien sind damit verknüpft, und alle sind Experten!
Es gibt eine Makro-, Meso- und Mikroebene. ?
Wir können zwischen institutioneller, sozialer und individueller Zweisprachigkeit unterscheiden. 

DIE LAGE IM KANTON FREIBURG 

Sprachenvielfalt

Seit Inkrafttreten der Verfassung von 2004 ist der Kanton Freiburg offiziell zweisprachig, und die beiden Sprachen sind gleichwertig und gleichgestellt. Das war früher nicht der Fall, als in der Gesetzgebung letztlich die französische Fassung maßgebend war.
Der Kanton Freiburg hat kein kantonales Sprachengesetz!

Der Sprachkontakt ist im Kanton äußerst vielseitig. Die Standardsprachen Französisch und Deutsch treten in ihren nationalen und lokalen Ausprägungen auf - im Gegensatz zum Kanton Bern wird im Großen Rat des Kantons Freiburg von den Deutschsprachigen Hochdeutsch gesprochen.
Die Deutschfreiburger sprechen wie die andern Deutschschweizer Mundart: Sensler und Jauner Dialekt, die beide Ähnlichkeiten mit den Oberländer Dialekten aufweisen und spezifisch freiburgische Züge verbinden sowie den Murtenbieter Dialekt im Seebezirk, welcher dem Berndeutschen zwischen Bern und Lyss sehr nahesteht. Die Gurmelser Mundart ist ein Übergangsdialekt zwischen dem Murtenbieter und dem Senslerdeutsch. Die Welschfreiburger sprechen wie fast alle Romands ein Französisch, welches sehr nahe bei der Standardsprache steht.
Doch es gibt noch etwa 3000 Dialektsprecher - besonders in La Roche und Umgebung wird Patois gesprochen; das Patois steht unter dem Schutze der Verfassung und wird gefördert. Es ist eigentlich kein Französisch, sondern eine Mundart des Frankoprovenzalischen, dieser Sprache zwischen Langue d'Oil und Langue d'Oc, die nie zu einer amtlichen Schriftsprache entwickelt worden ist.
Dazu kommt das Bolz, ein deutsch-französischer Mischdialekt aus der Freiburger Unterstadt.

Französisch ist eher Quellen-, Arbeits- und Redaktionssprache, Deutsch eher Zielsprache - d.h., es wird in der Regel ins Deutsche übersetzt, was zuerst auf Französisch verfasst worden ist. Frau Brohy hält es für eine wichtiges Ziel, dass künftig Gesetze, Verordnungen, Erlasse vermehrt auch zuerst auf Deutsch geschrieben werden.

Statistischer Überblick

Der Kanton Freiburg hat gemäß Statistik von 2016 rund 312'000 Einwohner, die Stadt Freiburg 40'000.
68% sprechen als Hauptsprache Französisch, 28% Deutsch. Das Deutsche ist leicht rücklfäufig, weil Personen in Familien, die aus Portugal und Spanien stammen, mit der Zeit zum Französischen übergehen. 10% der Bevölkerung sprechen Portugiesisch oder Spanisch.

Die Sprachgrenze

Die Sprachgrenze verlfäuft im Kanton von Nordnordwesten nach Südsüdosten. Im Jahre 2019 gibt es noch 136 Gemeinden, davon sind 104 offiziell französischsprachig, 30 deutschsprachig. Seit wenigen Jahren gibt es auch zwei zweisprachige Gemeinden: Courgevaux/Gurwolf und Courtepin. Courgevaux hat heute eine leichte deutschsprachige Mehrheit, Courtepin ist aus mehreren Fusionen hervorgegangen und hat eine französischsprachige Mehrheit von zwei Dritteln.

In der Stadt Freiburg ist der Anteil der Deutschsprachigen in den letzten 60 Jahren von 36% auf 21.2% zurückgegangen. Der Anteil der Welschfreiburger ist mit 63.2% gleichgeblieben, 15% sprechen andere Sprachen. 

Die Verfassung vom 16. Mai 2004 

Die Hauptstadt ist Freiburg, auf Französisch Fribourg (Art. 2)

Französisch und Deutsch sind Amtssprachen.

Es gilt das Territorialprinzip, doch soll auf Minderheiten Rücksicht genommen werden. Verständigung und Zweisprachigkeit sollen gefördert werden. (Art. 6)

Es gilt Sprachenfreiheit (Art. 17.1) Wer sich an eine für den ganzen Kanton zuständige Behörde wendet, kann dies in der Amtssprache seiner Wahl tun." (Art. 17.2) (Personalprinzip)

Die erste unterrichtete Fremdsprache ist die andere Amtssprache. (Art. 64, a, 3)

Die Stadt Freiburg

Die Zähringerstadt Freiburg wurde 1157 gegründet.
Vom 13. Jahrhundert an wurde sie zunehmend romanisiert.
1481 trat Freiburg der Eidgenossenschaft bei. Freiburg passte sich sprachlich an und leitete die Germanisierung der Stadt ein.
Im 17. Jahrhundert gewann das Französische wie in Bern an Prestige. Durch die französische Hegemonie nach dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft wurden Prestige und Geltung des Französischen noch verstärkt.
Nach der Restauration von 1814 gewann das Deutsche für kurze Zeit die Oberhand, doch nach 1830 setzte wieder die Romanisierung ein.
1889 wurde die Universität Freiburg gegründet, die von Beginn an offiziell zweisprachig war. Die Studierenden kamen mehrheitlich aus der deutschen Schweiz, und dadurch wurde in der Stadt die deutsche Sprache gestärkt.
1959 wurde die Deutschfreiburgische Arbeitsgemeinschaft (DFAG) gegründet, deren Ziel es war, für die deutsche Sprache die Gleichstellung mit der französischen zu erreichen. Außerdem sollte die Stellung des Deutschen in der Hauptstadt verbessert werden.
Mit dem Sprachengesetz von 2004 hat die DFAG im Kanton ihr Ziel erreicht. In der Stadt Freiburg gibt es erst Teilerfolge: Zweisprachige Straßenschilder in der Innenstadt, an Ämtern, an Geschäften und seit 2012 am Bahnhof, eine höhere Wertschätzung des Deutschen trotz auf 21% gefallenem Bevölkerungsanteil.
Die offizielle Zweisprachigkeit der Stadt soll mit der Fusion von Freiburg mit acht umliegenden Gemeinden verwirklicht werden. Der Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung wird dadurch weiter abnehmen, doch wird die Fusionsgemeinde bei weitem am meisten Deutschsprachige von allen Gemeinden des Kantons aufweisen. Für die Kinder in der Agglomeration stehen deutsche Schulen seit langem offen (pragmatische Zweisprachigkeit).

 Der Seebezirk

Der freiburgische Seebezirk ist der einzige offiziell zweisprachige Bezirk des Kantons. Der Saanebezirk mit Freiburg und Umgebung ist es nicht, jedenfalls noch nicht. Zur geplanten Fusionsgemeinde Großfreiburg s. oben.

Die Gemeinde Murten ist amtlich deutsch, und das entspricht der überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung.
Es gibt aber, ähnlich wie in Freiburg, eine pragmatische Zweisprachigkeit. Murten ist Schulzentrum für die Stadt selbst und die Umgebung. Es bietet sowohl deutsche als auch französische Schulen an.

Courtepin und Courgevaux/Gurwolf sind seit kurzem offiziell zweisprachig. Merlach/Meyriez ist zu 90% deutsch, Gemeinderat, Verwaltung und Webseiten funktionieren jedoch weiterhin in beiden Sprachen.

Die Zweisprachigkeit an den Freiburger Schulen

1. Tertiäre Ausbildung 

Die Universität Freiburg

Heute trägt die Université de Fribourg / Universität Freiburg ihre Zweisprachigkeit in ihrem offiziellen Namen.
Gegenwärtig sind die französischsprachigen Studierenden, darunter viele aus dem Ausland, leicht in der Mehrheit.
Die Zweisprachigkeit hat verschiedene Formen:
Kurse werden sprachlich parallel, komplementär oder integriert geführt. Es ist möglich, zweisprachig zu studieren und zweisprachige Diplome zu erlangen.

Wichtig sind an der Universität Freiburg auch die Mehrsprachigkeitsforschung und das große Angebot an Sprachlehrgängen.

HES/FH Fachhoschulen 

An der Fachhochschule Freiburg wird Immersion praktiziert; die Studierenden kommen nicht darum, einen Teil ihrer Ausbildung in der anderen Sprache zu absolvieren. 

2. Volksschule und Sekundarstufe II 

  • An den fünf Gymnasien gibt es bilinguale Modelle, Tandem, Austausch und zweisprachige Matura
  • Die Sekundarstufe I bietet verschiedene Modelle
  • In der Stadt Freiburg gibt es ab 2020 zweisprachige Schulen.
  • Gesetz über die obligatorische Schule 9.9.2014: Der Kanton Freiburg hat zwar kein Sprachengesetz, doch Art. 12 in diesem Gesetz formuliert knapp die Zielsetzungen und Vorgaben des Kantons. Das macht die Ausführung flexibel.


    Art. 12 Förderung des Sprachenlernens
    1. Der Staat verpflichtet sich dazu, ein vertieftes Sprachenlernen zu fördern. Neben der Unterrichtssprache sollen auch die Partnersprache sowie mindestens eine zusätzliche Fremdsprache erlernt werden. Dazu erarbeitet die Direktion ein allgemeines Konzept für den Sprachenunterricht (Sprachenkonzept).
    2. Um die Vorteile des Vorhandenseins zweier Landessprachen im Kanton zu nutzen, verwirklicht der Staatsrat besondere Massnahmen zur Förderung der Zweisprachigkeit ab dem ersten Schuljahr. Die Direktion setzt die Voraussetzungen und Modalitäten fest. Sie sorgt für die Umsetzung der Massnahmen.

    Das kantonale Sprachenkonzept 2009 

Das Sprachenkonzept in den Schulen des Kantons Freiburg

Ausblick 

Die Beziehungen zwischen den beiden Sprachgemeinschaften haben sich seit mehreren Jahren entspannt. Die Angstmacherei vor der angeblichen Germanisierung verfängt nicht mehr. Die jüngeren Leute sehen die Zweisprachigkeit des Kantons als einen Vorteil. Sie haben sich nicht nur an Zweisprachigkeit, sondern dank der Universitfät auch an Mehrsprachigkeit gewöhnt und finden diese spannend. 

Schueleraustausch im Kanton Freiburg

Links

Zweisprachige Klassen an Gymnasien:
 
www.fr.ch/sites/default/files/contens/ce/_www/files/pdf98/de_rgc_dics_2017.pdf 
Austausch: www.fr.ch/sites/default/files/contens/ce/_www/files/pdf98/de_rgc_dics_2017.pdf 

Sprach- und Kulturvereine im Kanton Freiburg

Communauté romande du Pays de Fribourg
FORUM à ä Langues partenaires / Partnersprachen Fribourg / Freiburg
DFAG + Deutschfreiburger Heimatkundeverein = KUND (Kultur Natur Deutschfreiburg)
Deutscher Geschichtsforschender Verein des Kantons Freiburg

Zusammenarbeit

Zähringerstädte ?
Espace Mittelland ?
Internationale Sprachgrenzkultur??

Fazit und Herausforderungen

Der Ausgleich zwischen den beiden Sprachen ist im Kanton geglückt; zu wünschen ist noch, dass Deutsch auch vermehrt als Arbeitssprache und als Sprache, in der Gesetze, Verordnungen, Erlasse und Mitteilungen verfasst werden, angewandt wird - Deutsch sollte nicht nur oder ganz überwiegend Zielsprache von Übersetzungen sein.
Espace Mittelland
Stadt Freiburg: Deutsch als eine der Sprachen seit der Gründung soll bei der kommenden Gemeindefusion auch offizielle Sprache werden. Deutsch soll in der Sprache noch besser sichtbar werden (Sprachenlandschaft, linguistic landscape)
Ein guter Service public ist mehrsprachiger öffentlicher Dienst
Einhaltung der Freiburger Sprachencharta

Zusammenfassung: rww 

sprachen.be